Projekt

ModusM als Forschungs- und Entwicklungsprojekt

ModusM ist ein gemeinsames Forschungs- und Entwicklungsprojekt der Universitäten Bielefeld und Dortmund, der Musikhochschule Lübeck und der Hochschule für Musik Freiburg. Die beteiligten Wissenschaftler*innen arbeiten an der forschungsbasierten Entwicklung von Aus- und Fortbildungskonzepten für Musiklehrende, die Musik-Erfinden zu einem zentralen Modus ihrer Lernarrangements machen möchten. Im Sommersemester 2020 wurde standortübergreifend eine erste Konzeption für ein Hochschulseminars zum Thema Musik-Erfinden entwickelt, die nun in einem zyklischen Verfahren an den teilnehmenden Standorten erprobt, evaluiert und weiterentwickelt wird. Einzelne Bausteine sollen mittelfristig auch in Lehrerfortbildungen eingesetzt werden.

Forschungsbasierung als Prinzip

Dabei ist unter Forschungsbasierung nicht nur die Entwicklung von Aus- und Fortbildungsformaten im Sinne eines Design-Based Research-Ansatzes gemeint, sondern auch das Gewinnen eines vertieften Verständnisses der Prozesse, die Schüler*innen – aber auch die Anleitenden – beim Musik-Erfinden vollziehen. Neben grundlagentheoretischen Überlegungen auf der Basis einer systematischen Erschließung des nationalen und internationalen Diskurses und der Sichtung bestehender Konzepte kommt dabei der empirischen Erforschung konstitutiver Dimensionen von Prozessen des Musik-Erfindens zentrale Bedeutung zu. In unterschiedlichen Teilstudien wird der Versuch unternommen, Interaktionsmuster und grundlegende Orientierungen der Akteur*innen durch die Auswertung von Video- und Interviewmaterial sowie von prozessbegleitend geführten Portfolios zu rekonstruieren. Dabei werden insbesondere spezifische Gelenkstellen des Unterrichts wie Aufgabenstellung und -bearbeitung, Lernbegleitung und Reflexionsphasen in den Blick genommen.

Musik-Erfinden als musikpädagogisches Handlungsfeld

Unter dem Begriff „Musik-Erfinden“ verstehen wir das gesamte Möglichkeitsfeld generativer Prozesse, das Dankmar Venus in seiner Systematisierung von fünf „Verhaltensweisen gegenüber Musik“ unter „Produktion von Musik“ (Venus, 1969, S. 21) zu fassen suchte und das über die Reproduktion bereits vorhandener Musik hinausgeht.

Er umfasst neben dem Improvisieren, wo „Erfindung, klangliche Realisierung und Wahrnehmung von Musik zeitlich untrennbar zusammenfallen“ (Krämer, 2018, S. 319) und dem Komponieren reproduzierbarer Musikstücke auch die mannigfaltigen „Musizierformen auf der Grenze zwischen Komposition und Improvisation, […] bei denen unter Anleitung und innerhalb eines fest abgesteckten musikalischen Rahmens ein teilweise improvisatorisches Handeln der Beteiligten möglich wird“ (ebd., S. 320). Auch fallen kleinere, an konkrete Lernziele geknüpfte Gestaltungsaufgaben und Kompositionsprojekte, bei denen die Schüler*innen nicht nur die Aufgabe, sondern „auch die Vorgehensweise weitgehend selbst bestimmen“ (Schlothfeldt, 2015, S. 113) können, gleichermaßen darunter.

Musik-Erfinden als Desiderat

Das Anliegen, Musikunterricht im Modus des Musik-Erfindens zum Gegenstand eines Forschungs- und Entwicklungsprojekts zu machen, reagiert auf eine paradoxe Situation in der deutschsprachigen Musikpädagogik: Einerseits wird sowohl im nationalen wie im internationalen Diskurs übereinstimmend der besondere Wert des Musik-Erfindens im Unterricht für musikalisches Lernen, z. B. für die Entwicklung musikalischen Denkens und Verstehens (Barrett, 1998, S.13) sowie für die Förderung kreativer Fähigkeiten (Buchborn, Theisohn & Treß, 2019, S. 69), hervorgehoben. Auch die Kernlehrpläne der meisten Bundesländer berücksichtigen seit langem – oftmals unter dem Begriff der ‚Produktion‘ – Komponieren und Improvisieren als zentrale Kompetenzbereiche des Musikunterrichts für alle Altersstufen. Andererseits steht diesem vielfach konstatierten Potential und der expliziten Verankerung in den Lehrplänen eine Situation in den Schulen gegenüber, in der produktive Methoden und damit auch das Musik-Erfinden „noch immer eine marginale Rolle spielen“ (Fiedler & Handschick, 2014, S. 1) und Musiklehrende von einer gewissen Scheu berichten, produktionsorientierte Verfahren in ihre Lernarrangements zu integrieren. Das führt u. a. auch zu dem Phänomen, dass Ansätze des Musik-Erfindens oftmals aus dem Zentrum des regulären Musikunterrichts in Formate von Projektarbeit ausgelagert werden und dieser Kompetenzbereich damit teilweise an außerschulische Partner*innen wie etwa Komponist*innen delegiert wird (vgl. Kompositionskonzepte wie Klangnetze, Klangserve, Querklang, Klangradar oder Response Frankfurt). Es ist zu vermuten, dass eine mögliche Ursache für die geringe Prävalenz des Musik-Erfindens im aktuellen Musikunterricht u. a. in der mangelnden Verankerung und Thematisierung des Musik-Erfindens in der Musiklehrer*innenbildung besteht. An diesem Desiderat setzt das Projekt ModusM an.